Predigt – Lk 1 Zacharias und Elisabeth

I
Ist Ihnen schonmal aufgefallen, wie oft wir eigentlich warten müssen? Auf den Paketboten, auf besseres Wetter, an der Ampel, an der Kasse im Supermarkt, am Kundentelefon…
Eigentlich warten wir unser ganzes Leben lang. Man wartet, bis man größer ist… bis man zur Schule kommt… bis man dann wieder aus der Schule raus ist… bis man das erste Geld verdient… bis man Urlaub hat… bis die Kinder aus dem Haus sind… bis man mehr Zeit hat.

Wir hoffen und träumen – und warten.
Wir sind hungrig und ungeduldig – und warten.
Wir erleben Leid und sehnen uns nach dem großen Glück – und warten.
Manches was wir gerne hätten, verzögert sich – und so warten wir.

Zacharias und seine Frau Elisabeth haben fast ein ganzes Leben lang gewartet.
Ihr großer Wunsch war es, ein gemeinsames Kind zu bekommen. Wie oft waren sie von ihrer Familie und ihren Freunden gefragt worden: Na, wann ist es bei euch denn soweit? Aber es war nie so weit. Und irgendwann verebbten die Fragen. Die Zeit des Kinderkriegens war vorbei.

Jahrelang hatten sie dafür gebetet, hatten gehofft, dass sich doch noch etwas tut. Dass Gott sich erbarmt.
Wahrscheinlich hat er auch gelitten, als er miterleben musste, wie alle um ihn herum Familie gründen. Wie sie das Bestehen ihrer Linie sichern, und ihre Altersvorsorge und was eben alles damit zusammenhängt. Aber bei Zacharias und Elisabeth hat es nicht geklappt, obwohl sie so lange und intensiv dafür gebetet haben. Und irgendwann waren sie durch mit diesem Thema.

Wenn Gebete so lange – über viele Jahre und Jahrzehnte – unerfüllt bleiben, dann kommt irgendwann der Punkt, an dem man beginnt, sich damit zu arrangieren.
Vielleicht kennen Sie das. Dabei kann es um ganz unterschiedliche Wünsche gehen: gesund werden, Kinder bekommen, einen Partner/eine Partnerin finden, Versöhnung in der Familie oder im Umfeld, eine berufliche Perspektive, Heimat finden oder eine Berufung. Oder dass endlich Friede einkehrt in dieser Welt. Dinge, für die Viele von uns hier beten…teils schon sehr lange beten… und manchmal ohne, dass eine Änderung sich auch nur andeutet.
Da fragt man sich schon manchmal, warum Gott seine Kinder so zappeln lässt. Oder warum er zulässt, dass sie enttäuscht werden. Man betet dann vielleicht auch weiter. Ganz treu und beständig und zuversichtlich. Aber gleichzeitig wird im Hinterkopf der Gedanke immer lauter: „Was, wenn sich nichts ändert?“ Und irgendwann fängt man an, sich damit zu arrangieren. Weil man sich ja auch schützen muss. Weil man schon zu viele in ihrer unerfüllten Hoffnung hat hart werden sehen. Oder ihnen der Glaube zusammengefallen ist. Dann doch lieber versuchen sich damit abzufinden.

So steht Zacharias am Räucheraltar, im Tempel. Das restliche Volk betet draußen, vor der Tür.
Und während Zacharias seinen Dienst verrichtet, blendet ihn plötzlich ein heller Lichtschein – und vor ihm steht eine helle Gestalt. Ein Engel, der ihm sagt: Fürchte dich nicht Zacharias! Deine Frau wird schwanger werden. Ihr werdet einen Sohn bekommen – den sollst du Johannes nennen.

Aber Zacharias fällt es schwer dem Engel zu glauben. Woran soll ich das erkennen? Hat er gefragt. Gib mir ein Zeichen, dass es stimmt, was du sagst.
Zu lange hatte Zacharias gehofft und geträumt und gewartet. Jetzt sind er und seine Frau zu alt, um noch Kinder zu bekommen. Und selbst wenn: 9 Monate sind lang – da kann noch viel passieren. Ich glaube jeder, nicht nur Zacharias, möchte in so einer Situation ein Zeichen, dass es jetzt eine andere Richtung geht.
Sieh doch: Du wirst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem das eintrifft. Denn du hast meinen Worten nicht geglaubt, sagt der Engel.
Und so kam es. Zacharias wird stumm - über 9 Monate lang - und damit als Priester arbeitsunfähig. Von einem Moment auf den anderen konnte er seinen Dienst nicht mehr tun, konnte keine Gespräche mehr führen, sich nicht mehr mitteilen. Nur noch warten.
Von einem Moment auf den anderen mutet ihm Gott eine Auszeit zu. Eine Zeit, in der er nichts anderes tun kann als zu warten, in sich hinein zu lauschen, sich an diesen Zustand zu gewöhnen und darauf zu hoffen, dass es irgendwann einmal zu Ende sein wird.

Auch uns mutet Gott in unserem Leben manchmal solche Zeiten zu.
Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, aus dem aktiven Leben herausgenommen und erstmal auf einem Abstellgleis geparkt zu werden. Wo wir warten müssen – vielleicht stumm und inaktiv. Ohne dass uns klar ist, wozu wir überhaupt warten müssen - und für wie lange.
Kennst du/ kennen Sie solche Zeiten?

Die Bibel ist voll von Geschichten von Menschen, die warten müssen. Nicht nur Zacharias und seine Frau Elisabeth. Da sind auch Abraham und Sarah, die auf ein Kind warten.
Oder da ist das Volk Israel, das 430 Jahre lang wartete, endlich von der Sklaverei in Ägypten befreit zu werden und in das verheißene Land zu kommen. Und dann warteten sie nochmal 40 Jahre, um endlich anzukommen.

Und manchmal frage ich mich warum.
Warum lässt Gott uns warten? Warum mutet er uns manchmal solche Zeiten zu?

Vielleicht weil manchmal das, was Gott an uns tut, während wir warten, mindestens genauso wichtig ist wie das, worauf wir warten.
Manchmal baut Gott gerade, wenn wir warten müssen, an unserem Herzen, an unserem Charakter, an unserem Menschsein.

Über 9 Monate war Zacharias stumm. 278 Tage lang.
Dann bekommt er seine Stimme wieder zurück. 8 Tage nach der Geburt seines Sohnes Johannes – was soviel heißt wie: Gott ist gnädig.
Und als Zacharias wieder zu reden beginnt, kommen aus seinem Mund keine Floskeln mehr. In Zacharias ist Glauben neu gewachsen, auf dem Boden von Zweifel und Nachdenklichkeit.
Und er beginnt Gott zu loben und singt: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk!

Das Lied des alten Zacharias sagt: Gott verdient Vertrauen gegen jede Vernunft und Einsicht. Auch wenn es über lange Strecken nicht so aussieht und die Lebensrealitäten eine ganz andere Sprache sprechen. Aber am Ende zeigt sich Gottes Barmherzigkeit. Manchmal anders, als wir es denken – aber sie zeigt sich.

Wir können viele Lieder davon singen, wie wenig es manchmal zu lachen gibt, mit vergeblichen Mühen, zerbrochenen Hoffnungen, abgelegten Wünschen, kaum auszuhaltenden Wartezuständen. Und trotzdem steht neben all dem eben auch die Erfahrung des Zacharias: Dass Gottes Möglichkeiten so viel mächtiger sind als die Wirklichkeiten der Welt. Amen.

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