Lese-Gottesdienst am 1. Nov. 2020

(Text: Pfr. Koring. Musik-Einspielung: Susanne Weingart-Fink)

 

GOTT sei mit dir: als Quelle der Liebe; als Gnade, die Mensch wird; als Kraft, die Leben schafft.

Vieles schwankt, was trägt? „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist: Christus“.

262 Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.

Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt.

729 Gott, dich suche ich. Meine Seele dürstet nach dir, mein Leib verlangt nach dir aus dürrem Land,
So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum, wollte gern sehen deine Macht und Herrlichkeit.

Ja, deine Güte ist besser als Leben; meine Lippen preisen dich.
Mein Leben lang will ich dich loben und meine Hände in deinem Namen aufheben.

Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.
Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.

 

262 Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit und mit unsrer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft.

Lass uns eins sein, Jesu Christ, wie du mit dem Vater bist, in dir bleiben allezeit heute wie in Ewigkeit.

Lesung: Matth 5,1-10 … Selig sind, die geistlich arm sind, ihrer ist das Himmelreich …

176 Die Gott suchen, die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben, denen wird das Herz aufleben.

ich habe Wächter über deine Mauern bestellt … Jes. 62, 6.7.10.12

Wir feiern heute nicht den Gründungsakt der evangelischen Kirche. Es geht darum, aus welcher Kraft die Kirche lebt – wir hier und die Christen weltweit. Im Sinne Luthers und mit den Worten der alten Kirche bekennen wir: „ich glaube die eine, heilige, weltweite und in die Welt gesandte Kirche.“ Was erhält sie lebendig? Erweckung, Wandlung, Erneuerung. Unser Leib lebt, weil in den Millionen Zellen eine ständige Erneuerung stattfindet. Der Leib Christi erfährt geistliche Erneuerung: neuen Atem, neue Kraft, neue Hoffnung, neue Freude, Phantasie und Mut. Genau das hat die Kirche Tag für Tag nötig.

Erweckung hat mit Erwachen zu tun, sie zielt auf Wachsamkeit im Glauben. Aufgeweckte Christen werden sich kein X für ein U vormachen lassen. Wache Christen sind auf der Hut vor Verführung und Selbsttäuschung. Hellwach prüfen sie sich selbst, ob sie vielleicht mit Gewohnheit oder Trägheit dem Wirken Gottes im Wege stehen. Aus spöttischem Blickwinkel wird den Kirchgängern oftmals Verschla­fenheit nachgesagt. Doch der Glaube an Jesus Christus ist nichts für Schlafmützen.

Die Wachheit des Glaubens verbindet uns mit einem Prediger in biblischer Zeit, der seine Landsleute, insbesondere die Bewohner von Jerusalem motiviert hat, gemeinsam und energisch für Schutz und Recht zu sorgen und auch das geistliche Leben zu erneuern: also Gottesdienst und Diakonie, Glaube und Nächstenliebe zu üben. Heute begegnet er uns in der Rolle des Wächters – und sucht unter uns Nachahmer: Ich habe Wächter bestellt über Zion, sagt Gott. Hören wir seine Botschaft:

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt… und geschworen: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und mich rühmen, und die den Wein einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, räumt die Steine hinweg!
Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!
Deine Kinder wird man nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«,
dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Der Herr der Stadt bestellt die Wächter. So gibt er ihr die Chance und den Schutz zum Leben. Die Stadt trägt den Namen Anblick des Friedens – kein Krieg soll sie zerstören. Sie soll Raum geben für Menschen jeglicher Herkunft. Sie soll Heimat sein für alle, die Gott anrufen.

Die Stadt hat eine lange Geschichte. Einst regierte in ihren Mauern der Priesterkönig Melchisedek. Später hat David, der Hirte aus Betlehem, die gut befestigte Stadt erobert, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen; das war vor 3000 Jahren. Sein Sohn Salomo hat den Tempel erbaut. Im Jahr 586 vC. wurde die Stadt zerstört. Lange danach, im Jahr 445, stellt Nehemia die Stadtmauer wieder her.

Nehemia und der Prophet scheuen nicht den Neuanfang voller Mühen - sie ermutigen: „Gott hat Großes mit euch vor. Anblick des Friedens sollt ihr werden, Vorbild und Anreiz für andere. In der schützenden Mauer wird die Geborgenheit anschaulich. Rechtmäßigkeit und Barmherzigkeit, Wohlergehen und Lebensfreude sollen dort wohnen, Rat und Trost sollen die Gläubigen finden, Zuflucht die Bedrängten, Hoffnung die Verzagten, Hilfe die Schwachen, Heilung die Leidenden

Diese starken Worte finden wir wieder in unseren Adventsliedern:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit.
Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast. Macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst.

Der Friede soll wohnen, wo Gott wohnt. Dort wird die Quelle des Lebens strömen. Sagt der Tochter Zion: „Dein Heil kommt.“ Zion schart wie eine Mutter ihre Kinder um sich. So werden sie mit Gott vereint sein. ‚Zu Gott gehörig’ werden sie heißen, eine ‚nicht mehr preisgegebene Stadt’, die Erlöste des Herrn.
„Richtet ein Zeichen auf“. ruft der Prophet, alle Welt soll erfahren, was Gott an uns tut. Die Völker sollen den Frieden sehen, wenn sie die Gemeinschaft der Heiligen anschauen.

Wo liegt die Stadt, in deren Mitte Gott anzutreffen ist? Überall, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind: in der Kirche, zuhause am Esstisch, sie will auch in Moria und in Kalkutta erfahrbar werden. Die Gottesstadt verkörpert den Lebensraum der Gnade; sie dient uns als Vorbild, um unser Leben in der Spannweite von Glück und Leid zu gestalten.

Wie soll man uns wahrnehmen? Offen und einladend, so dass sich Menschen bei uns einreihen können. Wir wollen Hindernisse abbauen und Stolpersteine wegnehmen. Darum stellt Gott Wächter auf die Mauern. Der Feind, der die Herzen wie eine Stadt belagert, heißt manchmal Selbstbetrug, Stolz, Eigensinn, Trotz, Hochmut – manchmal Angst, Misstrauen, Sturheit, Vorurteil. Gott befreit von Irrtum und Schuld. Sein Atem erweckt Verzweifelte und Traurige zu neuem Leben und füllt die Herzen mit Licht und Klarheit, Mut und Hoffnung, Um diese Erweckung und Wandlung geht es, wenn Gott unser Leben und die weltweite Kirche reformiert. Reformation erreichen wir nicht durch Reform des kirchlichen Lebens. Nicht Luther, sondern der göttlich-schöpferische Atem ist unser Reformator.

Die Kirche in der Welt und unsere Gemeinde am Ort wirken darin glaubwürdig, dass Menschen sich füreinander öffnen, ihre Lasten teilen und gemeinsam nach Orientierung suchen. Wir wirken darin glaubwürdig, dass Gott in Güte und Erbarmen leibhaft erfahren wird – gerade in unserer Herzlichkeit, Solidarität und Toleranz. Die Kirche der Zukunft wird eine gläubige und eine kritische Kirche sein. Sie wird wachsam sein, weil auch in Zukunft Selbstgefälligkeit, Trägheit oder Übereifer vor der Tür lauern.

Es gilt zu wachen über den Glauben. Leicht tritt an die Stelle des Vertrauens, das Schritt für Schritt neu gewagt wird, die festgefügte Lehre. So verkommt der Glaube zur Christlichkeit.
Es gilt zu wachen über die Seelsorge – nicht nur, dass sie feinfühlig geübt wird, sondern dass sie dort geschieht, wo Seelen Not leiden, in der Erziehung, in der Partnerschaft, im Alter, in Trauer und Lebenskrisen – Seelsorge auch an denen, die sich vom Leben ausgeschlossen sind durch Armut, Sinnverlust und Mangel an Selbstachtung.

Es gilt zu wachen über die Barmherzigkeit. Viele werden mit ihrem Leben nicht fertig. Sie sind tief in ihrer Seele verwundet und in ihren Erfahrungen und Prägungen gefangen. Barmherzigkeit besteht nicht nur in professioneller organisierter und bezahlter Hilfe. Viele brauchen vor allem gelebte Anteilnahme, alltägliche Nähe und Gemeinschaft – ein weites Feld phantasievoller Nächstenliebe!
Es gilt zu wachen über die Gerechtigkeit. Obwohl vor dem Gesetz alle auf einer Stufe stehen, spaltet sich die Gesellschaft immer tiefer in Arme und Reiche. Darum gilt auch uns heute der Wächterruf.

So verschieden die Menschen sind, jung oder alt, vital oder anfällig, rücksichtsvoll oder auf eigene Interessen fokussiert – wir können nur miteinander leben, arbeiten und feiern, wenn‘s sein muss, fürsorglich Abstand halten, und so den Frieden teilen. Aufgeweckte Menschen können in allen Lebenslagen Gott vertrauen und mit ihm durch Dick und Dünn gehen. Wachsame Menschen wissen, was die Stunde geschlagen hat. Hellwach sehen sie, was zu tun nötig ist. Wachet, dass ihr den Frieden erlangt.

153 Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt, wenn einst Himmel und Erde vergehen.

Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.

 Gott, dein Wort macht froh, deine Gnade macht frei, deine Geistkraft erweckt zum Leben. Du hast uns vereint als Glieder deines Leibes, doch teilen wir das Brot des Lebens an getrennten Tischen. Hilf uns zu überwinden, was die Kirchen trennt, so dass wir in der Vielfalt deinen Segen empfangen. Gib uns Augen, die sehen, gib uns Ohren, um deine Stimme zu hören, ein Herz, das deiner Zusage vertraut.

Erwecke unter uns Menschen, die hell-sehen und hell-hören und hell-wach handeln, damit wir bei dir das Leben finden. Du zerbrichst Bogen und Spieße - wir gedenken derer, die Opfer von Hass und Gewalt werden in den Medien, in den Familien, auf der Straße; sogar Opfer von blinder Politik und Verwaltung – lass sie Hilfe erfahren.

Heilige Geistkraft, führe uns im Vertrauen zu Gott und in der Liebe zu den Menschen. Vater unser

267 Herr, du hast darum gebeten, dass wir alle eines sein. Hilf du selber uns zur Einheit, denn die Kirche ist ja dein.

Lass mit Achtung uns betrachten, die in deiner Gnade stehn
und sich dort – wie wir es hier tun – mühen, deinen Weg zu gehen.

Dein Volk ist nicht unsre Kirche, unsre Konfession allein,
denn dein Volk, Herr, ist viel größer. Brich mit deinem Reich herein!

Segen: GOTT segne dich und behüte dich;
GOTT lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
GOTT schaue liebend zu dir hin und gebe dir Frieden. Amen.

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