Römer 12,1-8; Gellmersbach, Eberstadt

I Vernünftiger Gottesdienst

Heute geht es um Vernunft.
Genauer: um einen vernünftigen Gottesdienst.
Aber was ist das überhaupt? Ein vernünftiger Gottesdienst?

Mancher denkt vielleicht: vernünftig ist, wie wir es gewohnt sind – gut lutherisch, gut landeskirchlich. Einfach so, wie es immer war. Denn was bewährt ist, das ist vernünftig.

Andere denken vielleicht: vernünftig ist auf jeden Fall, nach vorne zu blicken. Andere, jüngere anzusprechen. Mit anderer Musik, einladend zu sein. Vielleicht sogar über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Das wäre vernünftig.

Einige sagen vielleicht: ein „vernünftiger Gottesdienst“ hat etwas mit Vernunft zu tun. Also mit Denken. Mit anspruchsvollen und durchdachten Predigten. Mit Nebensätzen und so. Wo tiefe Gedanken und Glaubenswahrheiten, möglichst klug und mit viel Intellekt verpackt sind, aber dennoch verständlich.

Wieder andere gehen vielleicht ganz anders an die Frage heran. Und zwar mit dem Herzen. Endlich wieder in der Kirche feiern. Laut singen können. Die vertrauten Gesichter sehen. Das ist vernünftiger Gottesdienst. Während wieder andere sagen würden: vernünftig ist es im Moment, sich nicht direkt zu treffen, sondern daheim zu bleiben und über den Bildschirm Gottesdienst zu feiern, auch wenn es nicht dasselbe ist.
Und in meinem Kopf fängt es an sich zu drehen und ich denke: gar nicht so einfach herauszufinden, was ein vernünftiger Gottesdienst sein soll.

II Predigttext I

Paulus schreibt dazu im Römerbrief:
Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes bitte ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung. Es soll wie ein lebendiges und heiliges Opfer sein, das ihm gefällt. Das wäre für euch ein vernünftiger Gottesdienst.

Oder, wie man vielleicht auch übersetzen könnte: sprechender Gottesdienst.
Ein Gottesdienst, der der Welt von Gott erzählt.

 

III Was ist vernünftiger Gottesdienst?

Wenn ich irgendwo eine Umfrage machen würde, auf der Straße oder in Gemeinden: was ist eigentlich Gottesdienst? Dann würden sicherlich einige sagen: Ein paar fromme Leute, gläubige Leute treffen sich zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, um zusammen zu singen, zu beten und auf Gottes Wort zu hören. Das ist Gottesdienst. Stimmt ja. Aber Paulus zeigt uns hier einen ganz anderen Weg noch. Er sagt: Gottesdienst ist mehr als die Zusammenkunft von ein paar frommen Leuten am Sonntagmorgen oder sonst irgendwann, um zu singen, beten und auf Gottes Wort zu hören. Gottesdienst ist auch etwas, das mit unserem Alltag zu tun hat. Mit unserem Leben. Er ist nicht mit dem Orgelnachspiel zu Ende, sondern er geht außerhalb der Kirchenmauern weiter. Genau dort, wo wir als Christen in unserer Welt leben. In unseren Beziehungen, in unserer Familie, an unserem Arbeitsplatz, in unserer Freizeitbeschäftigung.
Das hat Paulus im Sinn, wenn er von einem vernünftigen Gottesdienst spricht. Vernünftiger Gottesdienst findet im alltäglichen Leben statt. Im Alltag von uns Glaubenden.

Vernünftiger Gottesdienst ist, wenn Gott mein Leben bestimmt. Wenn mein Glaube Auswirkungen auf mein Leben hat. Sei es in der Art und Weise, wie ich mit anderen Menschen um mich herum umgehe. Oder mit meinem Geld. Oder welche Entscheidungen ich treffe.
Vernünftiger Gottesdienst ist überall dort, wo ich im Alltag als Christ lebe. Wo ich das lebe, was ich als Gottes Wort verstanden habe. Was ich erkannt habe. Weil ich weiß: Mein Leben ist ein Leben mit Gott.

Denn wenn die gute Nachricht des Evangeliums, dass Gott uns über alles liebt – so sehr, dass er selbst in Jesus Christus Mensch wurde und für all das starb, woran wir im Leben immer wieder scheitern und schuldig werden, an uns und anderen Menschen,
wenn diese gute Nachricht uns in unseren Herzen voll erwischt, dann WIRD das Auswirkungen auf unser Leben haben. Dann wird es uns Stück für Stück verändern und wir werden nicht mehr dieselben sein.
Der Glaube hat im Normalfall Auswirkungen und praktische Konsequenzen auf unser ganzes Leben. Auf unser Handeln, unser Denken und Fühlen.

 

 

IV Predigttext II

Aber wie kann das ganz praktisch werden? Woran zeigt sich unser Glaube im Alltag? Woran erkennen wir vernünftigen Gottesdienst? Dazu schreibt Paulus weiter:

Bei der Gnade, die Gott mir geschenkt hat, sage ich jedem Einzelnen von euch: Überschätzt euch nicht und traut euch nicht mehr zu, als angemessen ist. Strebt lieber nach nüchterner Selbsteinschätzung. Und zwar jeder so, wie Gott es für ihn bestimmt hat –und wie es dem Maßstab des Glaubens entspricht.
Denn es ist wie bei unserem Körper. Der eine Leib besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht alle Teile haben dieselbe Aufgabe.
Genauso bilden wir vielen Menschen, die zu Christus gehören, miteinander einen Leib. Aber einzeln betrachtet sind wir wie unterschiedliche und doch zusammengehörende Körperteile. Wir haben verschiedene Gaben, je nachdem, was Gott uns in seiner Gnade geschenkt hat: Wenn jemand die Gabe hat, als Prophet zu reden, soll er das in Übereinstimmung mit dem Glauben tun. Wenn jemand die Gabe hat, der Gemeinde zu dienen, soll er ihr diesen Dienst leisten. Wenn jemand die Gabe hat zu lehren, soll er als Lehrer wirken. Wenn jemand die Gabe hat zu ermutigen, soll er Mut machen. Wer etwas gibt, soll das ohne Hintergedanken tun. Wer für die Gemeinde sorgt, soll sich voll für sie einsetzen. Wer sich um die Notleidenden kümmert, soll Freude daran haben.

III nüchterne Selbsteinschätzung
Den vernünftigen Gottesdienst erkennen wir laut Paulus zum einen an der Art, wie wir uns selber sehen. Wie wir über uns denken.
Gehören wir eher zu den Leuten, die hochstapeln oder zu denen, die tiefstapeln? Wie ist das bei dir, wenn du in den Spiegel schaust? Was denkst du über dich selbst?

Paulus hatte damals vor allem Leute vor Augen, die in der Gefahr standen, immer zu hoch von sich zu denken. In der Gemeinde in Rom waren lauter Leute, die sich gerne überschätzten und die ihr Ego ein bisschen zu sehr lieb hatten. Sie wollten blendend dastehen und alle anderen übertrumpfen. Manche waren von sich selbst so überzeugt, dass alle anderen nur im Schatten stehen können. Auf die Art: Ich kann es und ich zeige es euch. Und weil sich Paulus Sorgen macht, dass das nicht gut geht und auf Dauer eine Gemeinde kaputt macht, sagt er: Seid nicht so überheblich. Denkt lieber etwas bescheidener.

Allerdings: Man kann auch auf der anderen Seite vom Pferd herunter fallen. Es kann sein, dass wir nicht angemessen über uns selbst denken, weil wir schnell dabei sind uns klein zu machen und uns nichts zuzutrauen. Ich pack das nicht. Ich bin nichts Besonderes. Ich hab nicht viel zu bieten.
Manchmal wird uns das ja auch von anderen eingeredet: Du schaffst das sowieso nicht mit dieser Ausbildung. Leute wie dich nehmen sie sowieso nicht in dieser Firma.“ Mit der Zeit kriecht so ein Satz dann ins eigene Herz: Was bin ich schon?! Was kann ich denn?! Wer braucht mich schon?!

Dabei sind wir begnadete und begabte Menschen. Jeder und jede einzelne von uns. Wir alle sind von Gott wunderbar geschaffen und begabt worden.
Paulus macht in seinem Brief deutlich: In der Gemeinde gibt es keine unbegabten Menschen. Denn jedem ist etwas gegeben. Keinem alles, sondern jedem etwas anderes.
Dafür hat Gott in seiner Gemeinde Menschen zusammengestellt mit unterschiedlicher Biographie, verschiedenen Gaben, unterschiedlichem Temperament und Wesen. Und das ist gut so. Es gibt die, deren Gaben ganz offensichtlich sind: die reden, musizieren, leiten, organisieren usw. Und es gibt die, die die stillen Dienste tun. Die beten, die reparieren, die besuchen, die spenden, die Getränke besorgen und Essen ausgeben. Die Leuten nachgehen, Segenswünsche zum Geburtstag schreiben, andere ermutigen, noch einen Besuch machen, noch einen Anruf tätigen.

Es gibt in der Gemeinde keine unbegabten Menschen. Jeder kann etwas. Dafür hat Gott gesorgt. Er hat jeden von uns unterschiedlich begabt und es so eingerichtet, dass das, was wir in Gellmersbach und Eberstadt brauchen, auch gegeben ist. Deshalb brauchen wir einander.
Die Hand mag sich manchmal über die fehlende Feinfühligkeit des Fußes ärgern, aber ohne ihn kommt sie nicht weit. Das Auge mag sich manchmal über den fehlenden Weitblick der Nase ärgern, aber sie braucht deren feines Gespür für das, was in der Luft liegt. Wir brauchen einander, damit unsere Gemeinde lebendig bleibt. Und deshalb sind wir herausgefordert, Gott mit der Gabe, mit der er uns ausgestattet hat, zu dienen.

Vernünftiger Gottesdienst zeigt sich also darin, dass er nach dem Sonntag weitergeht. Dass wir einen angemessenen Bick auf uns selbst bekommen – wer wir in Gottes Augen sind. Und dass jede und jeder sich einbringt, mit dem, was er oder sie hat. Denn nur so wird Gottes Gemeinde so großartig, wie Gott sie sich gedacht hat. Amen.

 

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