Predigt am 18.10.20 - Eph 4,(22-)32 (Pfarrerin Kerstin Günther)

Der Predigttext, der für diesen Sonntag vorgegeben ist, ist ein längerer Abschnitt aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus.
Es ist ein Abschnitt, der viele gute und wichtige Weisungen enthält, wie wir als Christen eigentlich leben sollten.

Ich habe heute beschlossen, Ihnen und euch nicht alles vorzulesen, sondern einen Punkt rauszunehmen, der mir wichtig ist und den der Briefschreiber ganz an den Schluss gesetzt hat und der dadurch nochmal ein besonderes Gewicht bekommt.
Es geht um die Vergebung. Ein sehr wichtiges Thema:

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
… vergebt einer dem anderen…
Ich glaube es ist eines der schwersten Dinge im Leben – jemandem das zu vergeben, was er einem angetan hat.

Immer wieder werden Menschen an uns schuldig. Immer wieder werden wir von anderen verletzt und enttäuscht. Manchmal auch sehr tief.
Oft ist es sogar so, dass diejenigen, die uns am nächsten sind, uns auch am tiefsten verletzen und enttäuschen können.
Und dann ist es alles andere als leicht, zu vergeben.
Weil der Schmerz so tief sitzt.
Oder das Unrecht so groß war.
Und dennoch – oder gerade deshalb – ist Vergebung so wichtig.

Auch in der Bibel ist es ein sehr zentrales Thema.
Jesus selbst bringt es immer wieder an,
Paulus schreibt viel darüber in seinen Briefen.
Und immer wieder heißt es: vergebt einander!

Vergebung ist also etwas, das zu unserem Christsein dazu gehört.
Wir sollen anderen Menschen vergeben, wie Gott uns vergeben hat und wie er uns immer wieder vergibt.

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Unser Gott, an den wir glauben und zu dem wir gehören, ist ein Gott der Vergebung. Ich glaube es gibt keinen Menschen, der nicht auf Vergebung angewiesen ist. Ob wir es wollen oder nicht, aber es passiert immer wieder, dass wir andere um uns herum verletzen, sie enttäuschen. Dass wir Dinge falsch machen.
Aber egal wie groß die Schuld ist, zumindest Gott kann damit umgehen. Für seine Vergebungsbereitschaft gibt es keine Grenzen. Egal, was passiert ist.
Es gehört zum großen Reichtum unseres Glaubens, dass Gott uns das vergibt, was uns belastet und uns immer wieder einen Neuanfang schenkt. Grenzenlos und bedingungslos.

Und weil Gott uns vergibt, sollen auch wir einander vergeben. Das zu tun ist manchmal richtig schwer. Und es gibt Situationen, Lebensumstände, wo das viel Zeit braucht. Ganz viel Zeit. Manchmal sogar Jahre.

Dass die Bibel uns immer wieder aufruft, anderen zu vergeben, fühlt sich manchmal wie eine Zumutung an. Gott ist Vergebung aber wichtig, nicht weil er uns gängeln will, sondern weil er will, dass es uns gut geht.
Denn was passiert, wenn wir nicht vergeben?

Verletzungen, die uns zugefügt worden sind, verursachen Schmerzen. Ganz besonders, wenn Menschen aus unserem familiären, sozialen und geistlichen Umfeld die Täter sind. Dass ich dann wütend, enttäuscht und verletzt bin, hat sein gutes Recht und ist absolut verständlich.

Das Problem dabei ist, dass – wenn wir nicht vergeben – wir uns eigentlich nur selbst Schaden zufügen.

Ich kenne es aus eigener Erfahrung: Ich bin nicht bereit, der Person, die mir so großes Unrecht zugefügt hat, zu vergeben, weil ich sie eigentlich bestrafen will. Aber eigentlich merke ich dabei nicht, dass ich mich damit nur selbst bestrafe.

Eigentlich will ich frei sein von der Person, die mich verletzt hat. Die mir Unrecht getan hat. Ich will mit ihr nichts mehr zu tun haben. Will sie eigentlich aus meinem Leben draußen haben. Aber gleichzeitig binde ich mich an den Menschen, der an mir schuldig geworden ist, wenn ich ihm nicht vergebe. Es ist, als ob ich mich regelrecht an ihn kette/binde. Und dann tut mir jede Bewegung weh, die der- oder diejenige macht. Denn die Wunden, die uns geschlagen wurden, brechen durch ihre Bewegungen immer wieder neu auf. Und das tut weh, das schmerzt und hinterlässt Spuren.

Gleichzeitig kann es auch passieren, dass ein langfristig gehegter Ärger und ein langfristig gehegtes Nicht-Loslassen-Wollen zu Bitterkeit führt. Und Bitterkeit raubt schließlich die Lebensfreude und zerstört Beziehungen.
Der Geschädigte ist am Ende immer der, der nicht vergibt.

Und Gott will das nicht. Gott will nicht, dass Ärger und Bitterkeit, die über lange Zeit gelebt werden, Schaden in unserem Leben anrichten. Gott will nicht, dass uns die Lebensfreude flöten geht. Er will auch nicht, dass unsere Beziehungen kaputt gehen.
Gott will aber, dass wir frei und befreit leben. Dass wir Freude haben und dass unsere Beziehungen gut sind und Bestand haben und gesund sind.
Deshalb gibt er uns den Auftrag zu vergeben. Deshalb schreibt Paulus:
Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Menschen, denen weh getan wurde – und das wurde uns allen schon einmal – sollen nicht noch zusätzlich geschädigt werden, weil sie nicht vergeben können oder wollen.

Und ganz wichtig ist mir dabei klar zu sagen:
Vergebung bedeutet dabei nicht, zu sagen: das, was der andere getan hat, ist in Ordnung. Vergebung ist nicht die Rechtfertigung von Schuld. Unrecht ist und bleibt Unrecht. Es wird durch Vergebung nicht gutgeheißen. Unrecht ist auch in Gottes Augen Unrecht. Es soll nicht heruntergespielt oder entschuldigt werden.
Tollpatschige Skifahrer, die uns über den Haufen fahren, können wir entschuldigen. Vor allem, wenn wir merken: es handelt sich hier um einen Anfänger. Was
soll`s – Anfängerfehler, das ist mir als Neuling auf der Piste auch passiert. Diese Situation ist auf jeden Fall ent- schuldbar. Aus vernünftigen, nachvollziehbaren Gründen trifft den Skianfänger keine Schuld, er ist ent- schuldigt. Und wenn mich keine Schuld trifft, brauche ich dafür auch keine Vergebung mehr.
Ich brauche aber dann Vergebung, wenn das, was mir von einem Menschen angetan wurde, eben nicht mehr ent-schuldigt oder wieder gutgemacht werden kann.

Vergeben heißt auch nicht vergessen. Auch wenn „Vergeben und vergessen“ ein landläufiger Spruch ist. Aber der Spruch ist falsch. Wenn bspw. ein Mensch misshandelt wurde, wird er diese Situation sein Leben lang nicht vergessen. Und wer könnte das auch von ihm verlangen? Und doch kann man vergeben. Vergeben und vergessen ist nicht dasselbe. Aber vergeben ist genau das, was getan werden muss, wenn wir nicht vergessen können.

Und ganz wichtig: Vergebung bedeutet vor allem auch nicht gleich Versöhnung. Manchmal denkt man, wenn man jemandem vergibt, müsse man sich um jeden Preis wieder mit ihm vertragen – nach dem Motto: Vergebung ist gleich Versöhnung. Aber auch das ist ein Irrtum. Manchmal – oder oft – ist es einfach nicht mehr möglich, die Beziehung mit der Person, die einen so tief verletzt hat - oder die man selbst so tief verletzt hat –wiederherzustellen. Es stimmt – die Folge von Vergebung kann Versöhnung sein, aber Vergebung und Versöhnung sind zwei verschiedene Dinge.
Versöhnung ist nämlich erst dann möglich, wenn beide Parteien einen Schritt aufeinander zu gehen. Zur Versöhnung gehören immer zwei. Zur Vergebung nicht.
Vergeben kann ich auch dann, wenn mein Mitmensch nicht zur Versöhnung bereit ist (oder das vielleicht auch gar nicht mehr kann, weil er bereits verstorben ist).
D.h. nach der Vergebung kann eine Beziehung durchaus auch beendet sein. Dann kommt es zwar zu keiner Versöhnung, jedoch wird nichts mehr nachgetragen.

Vergebung heißt vielmehr, den anderen, der uns Leid zugefügt hat, loszulassen. So dass er keinen Platz mehr in unserem Leben und keinen Einfluss mehr auf unser Denken und Fühlen mehr hat. Vergebung heißt, selber wieder frei zu werden. Indem wir vergeben, holen wir uns Freiheit und Zufriedenheit zurück.

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Amen

 

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