7. So.n.Tr. Predigt – Hebr 13,1-3

I
Zum Schluss, da kommen meistens keine langen Erklärungen mehr. Da konzentriert man sich auf das Wichtigste in Kürze.
Zum Schluss, da sagt man noch sowas wie:
„Fahr vorsichtig!“
„Ich hab dich lieb.“
„Ruf an, wenn du da bist.“

Nach 13 Kapiteln Brief ist auch der Briefschreiber des Hebräerbriefes am Schluss angekommen.
Davor gab es seitenlange Ausführungen und Erklärungen über das Leben als Christ. Aber jetzt am Ende, da gibt es vor den lieben Grüßen noch ein paar handfeste Tipps mit auf den Weg. Mütterliche Ermahnungen, sozusagen: nimm dir noch eine Jacke mit, es wird kalt. Benutze keine unflätigen Worte. Sag immer schön Danke. Usw.

II
Am Ende des Hebräerbriefes schreibt der Verfasser – kurz und knapp:
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

III
Geschwisterliche Liebe
Gastfreundschaft und
Mitgefühl den Gefangenen und Misshandelten gegenüber.
Diese drei Dinge gibt der Briefschreiber der Gemeinde am Ende noch einmal mit auf den Weg.
Und diese drei Dinge möchte ich nun genauer anschauen:

IV Geschwisterliche Liebe
Als erstes wäre da die Liebe, die ganz am Anfang steht. Als Ausgangspunkt für alles, was danach folgt:
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Oder man kann auch übersetzen: in der geschwisterlichen Liebe.
Was bedeutet: Hört nicht auf euch zu lieben! Hört nicht auf, euch gegenseitig als Schwestern und Brüder zu lieben.
Die Liebe ist Gottes Grundprinzip. „Gott hat uns zuerst geliebt“, so heißt es im 1.Johannesbrief.
Dass wir Menschen überhaupt erst zur Liebe fähig sind, verdanken wir Gott. Er hat uns die Kraft zur Liebe geschenkt. Ohne diese Liebe wären wir unfähig, einen anderen Menschen zu lieben und anzunehmen.

Jemand, der als Kind ständig Ablehnung erfahren hat und nie die Liebe seiner Eltern spüren durfte, dem wird es später im Leben sehr schwer fallen, andere Menschen zu lieben. Weil er selbst nie Liebe erfahren hat. Wir Menschen sind auf Liebe angewiesen. Wir suchen Anerkennung. Wir wollen wahrgenommen werden, gesehen werden. Das ist ein Grundbedürfnis, das jeder Mensch hat.
Wenn der Hebräerbrief hier also dazu mahnt, dass wir uns gegenseitig lieben sollen, dann geht es hier um die wichtigste Ebene eines funktionierenden Miteinanders. Denn nur, wo Liebe ist, kann Vertrauen entstehen. Vertrauen zwischen Gott und Mensch, und Vertrauen zwischen uns Menschen. Da, wo ich Liebe und Annahme erfahre, dort entsteht plötzlich Vertrauen. Ein Raum, in dem ich einfach ICH sein kann und sein darf, so wie ich bin.

Von Beginn an war es ein Kennzeichen für die damaligen Gemeinden, dass die Leute liebevoll miteinander umgegangen sind, die zur Gemeinde gehörten. Trotz aller Auseinandersetzungen und Streitigkeiten, die es auch damals in den Gemeinden gab, kümmerte man sich selbstverständlich um Witwen, um die Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, oder versorgte die mit, die wenig oder nichts besaßen. Man betete füreinander. Sammelte Geld für Gemeinden und Gemeindeglieder, denen es nicht so gut ging.
Das alles war so besonders – auch für die Menschen drum herum, dass sie plötzlich hellhörig wurden und mehr vom Christsein wissen wollten. Dieser liebevolle Umgang untereinander, dass da Menschen waren, die wirklich aufeinander achteten und füreinander da waren – das blieb der Umwelt nicht verborgen und übte einen starken Reiz aus.

Ich wünsche mir das auch für unsere Gemeinden und für unsere evangelische Kirche, dass Menschen dort einen Ort finden, wo sie sich angenommen und dazugehörig fühlen. Egal, woher sie kommen. Egal, was sie mitbringen.

Wir alle sind Menschen mit Schwächen, Macken und Fehlern. Manchmal spüren wir das auch. Manchmal geraten wir auch aneinander. Aber gerade deswegen brauchen wir diese Erinnerung und diese Mahnung: Hört nicht auf zu lieben! Auch dann nicht, wenn es schwierig ist. Auch dann nicht, wenn Konflikte zu lösen sind. Hört nicht auf, Euch gegenseitig als Schwestern und Brüder anzunehmen.

V Gastfreundschaft
Ein zweiter Punkt, auf den uns der Hebräerbrief aufmerksam macht, ist die Gastfreundschaft.
Es heißt:
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Zur damaligen Zeit, als der Brief geschrieben wurde, war die Gastfreundschaft von großer Bedeutung. Reisen waren beschwerlich und dauerten oft mehrere Wochen und Monate. Da war es entscheidend, dass man abends nicht von Haus zu Haus rennt, auf der Suche nach einem Bett und einer Mahlzeit. Heute mögen sich die Verhältnisse geändert haben. Aber der Grundsatz bleibt doch bestehen: nämlich, dass wir anderen, auch Fremden gegenüber, unsere Herzen und unsere Häuser nicht verschließen.
Der griechische Begriff, der hier im Text für Gastfreundschaft verwendet wird, ist Filoxenia. Und das bedeutet „Liebe für den Fremden“. -> d.h. Gastfreundschaft ist vielmehr eine innere Haltung. Eine freundliche Gesinnung Fremden gegenüber.
Eine Haltung, die dem Fremden gegenüber nicht von vornherein Böses unterstellt. Sondern die neugierig und offen ist für das, was er oder sie mitbringen. Die neugierige darauf sind, welch neue Perspektiven sich dadurch auch eröffnen, was an Neuem möglich ist.
Wenn der Hebräerbrief hier Gastfreundschaft fordert, dann geht es ihm eher darum, mit Menschen im Gespräch zu sein, aufmerksam und neugierig zuzuhören. Eigene Erfahrungen mit anderen zu teilen.
Gastfreundschaft ist Begegnung. Und, so macht es der Schreiber des Hebräerbriefes hier deutlich: sie gehört zu unserem Glauben dazu.

VI
Und zu guter Letzt nimmt der Hebräerbrief noch eine Gruppe von Menschen in den Blick, die wir nicht vergessen sollen: Menschen, die im Gefängnis sind (der Hebräerbrief meint hier die Menschen, die aufgrund ihres Glaubens ins Gefängnis geworfen wurden) und Menschen, die misshandelt wurden. Beide Gruppen suchen halt, weil alles in ihrem Leben weggebrochen ist an sozialen Kontakten. Auch ihr Grundvertrauen in Menschen ist zutiefst erschüttert, weil sie etwas Schreckliches erlebt haben.
Es geht bei den beiden Gruppen, an die der Hebräerbrief hier erinnert, um Menschen, die isoliert sind. Die alleine und isoliert sind, und die Schwere ihres Lebens alleine tragen müssen.

Wenn also der Hebräerbrief hier sagt: Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt -
Dann höre ich die Mahnung so:
Lasst niemanden alleine zurück! Lasst niemanden alleine mit der Last seines Lebens!

Es gibt so viele Menschen, die mit Wunden im Leben zurechtkommen müssen, auch hier unter uns. Und das ist nicht leicht. Wie schwer ist es oft Menschen zu finden, denen man sich wirklich anvertrauen kann. Die zuhören, die dem Schmerz, den ich erfahren habe, nicht ausweichen, sondern die ihn mittragen. Die auch einfach mitweinen können.
Hier geht es um mehr, als um Regeln menschlichen Verhaltens. Hier geht es um eine Haltung anderen gegenüber. Um die Bereitschaft, ihren Schmerz wahrzunehmen und sie mit allem, was sie durchgemacht haben oder gerade durchmachen, nicht alleine zu lassen.

Dass wir das alles tun können, ist alleine begründet in Jesus Christus. Weil Christus unser Gastgeber ist, können wir uns anderen freundlich, gastfreundlich zuwenden. Weil Christus uns über alle Maßen liebt, können wir anderen Liebe entgegen bringen und für sie da sein. Vor allem, weil er derjenige ist, der uns hilft, die Lasten des Lebens anzunehmen. Die eigenen – und manchmal auch die der anderen. Amen.

 

 

 

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