Predigt 5.So.n.Tr. – Lk 5,1-11

Ich erinnere mich noch an den regelmäßigen Satz meiner Mutter, wenn wir bspw. am Bodensee waren: „Aber nicht so tief rein“.
Das ist ein guter Rat v.a. für Kinder, die noch nicht so gut schwimmen können. Ja nicht zu weit weg vom Ufer. Ja nicht dahin, wo die Füße nicht mehr den Boden berühren. Das könnte sonst schnell gefährlich werden. Vor allem in unbekannten Gewässern, wo man die Strömungen unter der Oberfläche und mögliche Untiefen nicht einschätzen kann.
Denn eines ist ganz klar: aus der Tiefe droht Gefahr. Dort lauern Haie, Ungeheuer, Außerirdische, was auch immer. Nein, das jetzt nicht, aber die Tiefe des Meeres ist tatsächlich schon sehr beängstigend und gefährlich, weil hier Ungeahntes zu Tage treten kann. Und vielleicht spielt sie gerade deshalb im heutigen Predigttext eine Rolle.

(Ich lese aus Lukas 5):

Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

Da stieg er in eins der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.

Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen.

Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so daß sie fast sanken.

Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst, und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten.

Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fischen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.


Obwohl Jesus noch gar nicht so lange in der Gegend unterwegs war, hat er schon mächtig von sich reden gemacht. Immer mehr Menschen kommen angeströhmt, drängen sich um ihn herum, weil sie ihn sehen und hören wollen. Es sind so viele, dass Jesus sich Platz schaffen muss. Also geht er zu den Fischern, die am Rand des Sees ihre Netze waschen und lässt sich von ihnen auf den See fahren, als wären ihre Boote eine schwimmende Bühne.
Und da steht Jesus dann, und redet. Und die Menge hört staunend zu.

Irgendwann hat Jesus fertig gelehrt. Vielleicht sind die Menschen daraufhin erfüllt von all den guten Worten nach Hause gegangen, vielleicht haben sie Jesus weiter beobachtet. Wir wissen es nicht. Denn etwas ganz anderes wird in dieser Geschichte wichtig. Die Begegnung zwischen Jesus und Petrus, in dessen Boot er sitzt.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus.

Fahre hinaus, wo es tief ist. Fahre hinaus, weg vom Ufer und seinen seichten Gewässern. Fahr dorthin, wo du den Boden unter den Füßen verlierst. Wo du keinen Grund siehst, wo du nicht weißt, was sich unter der Oberfläche abspielt.
Und werfe dort deine Netze zum Fang aus.

Für Simon Petrus hätte es so viele Gründe gegeben, Jesu Befehl nicht zu gehorchen. Seine Idee, mitten am Tag nochmal auf die Höhe des Sees hinaus zu fahren, ist eigentlich völliger Irrsinn, denn jeder weiß: erstens fischt man nicht am Tag, sondern nachts. Da kommen die Fische nach oben, so dass man sie schön direkt unter der Oberfläche fangen kann. Und zweitens fischt man schon gar nicht dort, wo es am tiefsten ist und man die Fische mit dem Netz sowieso nicht erreicht.

Petrus wusste das genau. Die ganze Nacht hat er gefischt, aber einfach nichts gefangen. Er hat Zeit, Geld und Kraft investiert – aber alles umsonst.

Das ist für Simon Petrus nicht nur ein bisschen frustrierend, nein – es geht an seine Existenz, denn „keine Fische gefangen“ bedeutet: es werden keine Fische verkauft, d.h. es kommt kein Geld rein und unter Umständen werden Eltern und Kinder hungrig ins Bett gehen. Wovon soll er also leben, wenn er keine Fische fängt? Wovon seine Familie ernähren?
Simon Petrus ist müde, hungrig und verzweifelt. Und jetzt kommt dieser Zimmermann daher und will, dass er seine gerade saubergemachten Netze für einen aussichtslosen Fang nochmal verunreinigen und wieder von vorne anfängt.

Wir wissen nicht, was sich auf diesem Boot zwischen Jesus und Petrus abgespielt hat, aber Petrus geht auf Jesu „blödsinnigen“ Vorschlag ein. Irgendetwas an Jesus muss ihn bewogen haben, ihm zu vertrauen. Vielleicht hatte Jesus ein besonderes Charisma. Vielleicht hatte Petrus einfach nichts zu verlieren. Vielleicht lag es auch daran, dass Jesus selbst mit im Boot sitzt. Dass er nicht einfach nur dabei steht und vom Ufer aus gute Ratschläge brüllt, sondern selbst auf den Wellen auf und ab schaukelt – und Petrus auf dem Weg in die Tiefe begleitet.

Fahre hinaus, wo es tief ist“ – mir wird es unheimlich, wenn ich in einem See oder gar im Meer schwimme und sehe den Grund unter meinen Füßen nicht mehr.
Da, wo es tief ist, hab ich keine Kontrolle mehr, falls was passiert. Es könnte etwas kommen, das mich packt und festhält.
Ich glaube, wenn Menschen tief in sich hineinsehen und ganz ehrlich zu sich sind, geht es ihnen manchmal ganz ähnlich. Tief drin, da steckt vielleicht die Angst davor, alleine zu sein – alleine zu bleiben. Oder die Angst, etwas falsch zu machen, eine Entscheidung zu treffen, die man am Ende bitterlich bereut. Oder vielleicht auch die Angst, sich plötzlich mit sich selbst zu beschäftigen. Mit Dingen aus der Vergangenheit, die ich eigentlich nicht ansehen will, weil es anstrengend ist, sich mit sich selbst auseinander zu setzen

Fahre hinaus, wo es tief ist“ – mit diesem Satz beginnt für Simon Petrus die größte Veränderung seines Lebens. Bisher hatte Simon Petrus immer nur unter der Oberfläche gefischt. Jesus will mit ihm aber in die Tiefe. Und hätte Simon Petrus abgewunken und Jesus erklärt, dass er absolut keine Ahnung vom Fischen hat, wäre nichts passiert. Er wäre nicht durch ganz Galiläa gezogen. Hätte nicht den neuen Namen Petrus bekommen. Hätte nicht die aufregenden letzten Tage in Jerusalem erlebt. Hätte Jesus nicht dreimal verleugnet, bevor der Hahn kräht. Hätte nichts von der Auferstehung mitbekommen und wäre auch nicht der Gründer christlicher Gemeinden geworden…

Fahre hinaus, wo es tief ist“ – das ist der Anfang einer ganz großen Geschichte.
Petrus lässt sich auf das ein, was Jesus ihm vorschlägt. Und er erlebt ein Wunder. Sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten – so der Text. Ein Riesenfang. Ein wahnsinniges Erlebnis.

Was Simon Petrus aber dort auf dem See erlebt, macht ihn im ersten Moment nicht nur glücklich, sondern macht ihm auch Angst. Weil es einem eben auch Angst machen kann, in die Tiefe zu gehen und zu schauen, was sich auf dem Grund der Seele befindet.

Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfaßt und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.

Wir wissen nicht, was Petrus gesehen hat, als er in die Tiefe geschaut hat. Lukas berichtet nur davon, wie Jesus darauf reagiert hat. Und vielleicht ist das das eigentliche Wunder. Das Unerwartete. Das Heilvolle und Rettende in dieser Geschichte. Viel mehr noch, als der wundersame Fischfang:
Petrus geht mit Jesus dorthin, wo es tief wird, und erschrickt über sich selbst. Über all das, was in ihm verborgen ist. Was hässlich und unrühmlich ist. Aber Jesus wendet sich nicht ab von Simon Petrus. Stattdessen wendet er sich ihm zu und sagt:
Mein lieber Simon Petrus, fürchte dich nicht.
Ich weiß, was Du gesehen hast. Ich weiß, wer Du ist. Aber ich bleibe bei dir. Mehr noch: Von nun an sollst Du Menschen fischen.
Von nun an sollst du ihnen von mir erzählen und ihnen dadurch zu einem neuen Leben verhelfen. Einem Leben in Freiheit.
Jesus bleibt nicht nur bei Petrus, sondern hat sogar eine wichtige Aufgabe für ihn, die Petrus nur tun kann, weil er sich mit Jesus an der Hand ins Tiefe gewagt hat. Weil er sich selbst auf den Grund gegangen ist und die Erfahrung gemacht hat, dass Jesus sich nicht abwendet. Egal, was dort in der Tiefe verborgen ist.

Es ist diese Begegnung mit Jesus, die sein ganzes Leben verändert – neu macht.

Das ist das Verheißungsvolle an diesem Text, an diesem Tiefgang.

Fahr hinaus, dorthin, wo es tief ist. Trau dich weg vom Ufer und seinen seichten Gewässern, weg von der Oberfläche, von den Menschenmassen mit ihren Erwartungen. Fahr hinaus, dorthin, wo es tief ist. Und fürchte dich nicht, denn, so spricht Christus: Siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.

 

Amen.



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